Blog

Aus dem Nähkästchen, 2/x

Flucht im eigenen Land

Ich bin in einem Dorf im Glarnerland mit meiner älteren Schwester, Mutter und Vater aufgewachsen. Eine Kleinfamilie wie es doch so typisch normal für unser Land ist/war. Der Kantönligeist interessierte uns Kinder genauso wenig, wie aus welchem Land unsere Schuelgspändli kommen. Was die meisten nicht wussten und selbst eine Schwester meines Vaters noch lange Jahre danach auch nicht, dass unser Vater gewalttätig war, physisch wie psychisch. Mutter, Schwester und ich wurden angeschrien, geschlagen und noch viel mehr. In den Dorfbeizen wo er viel anzutreffen war, war er beliebt. Trinken, jassen und Spässe machen. Nach unserer Flucht einen auf armen verlassenen Mann machen und die Mutter anschwärzen die ihm doch seine geliebten Kinder entzogen hätte. Er war gut im Jammern & Geschichten erzählen in der Beiz, bei seiner übrigen Familie und in seinem Freundeskreis. Auf seine Alkoholsucht komme ich wahrscheinlich in einem anderen Text zu sprechen.
Eines schönen abends im Frühling, Anfang der 80er Jahre, wir hatten die 4te & 3te Primar begonnen, kam unsere Mutter zu uns Kindern und sagte, dass wir fortgehen würden von hier, ohne Vater. Gefühlt am nächsten Tag gings los. Arglos standen wir auf, um in die Schule zu gehen. «Nein keine Schule heute, wir gehen fort. Wohin denn? Eine meiner Schwestern kommt uns holen. Wir rufen jetzt noch die Tante im Nachbardorf an, um uns zu verabschieden. Sonst darf das niemand wissen.» Besagte Tanta kam dann noch schnell persönlich vorbei. Unterdessen hat Mutter einen Koffer für uns gepackt und die Waffen in eine Wolldecke gehüllt. Noch schnell einen Zettel auf den Küchentisch und dann fort. «Nein die Katze können wir nicht mitnehmen.» Die Waffen wurden auf dem Polizeiposten abgegeben und wir fuhren in einen anderen Kanton an einen wunderbaren See.
Wir hatten Fragen und doch fast keine gestellt, ich sicher nicht, hatte zu dieser Zeit schon gelernt nicht blöd zu fragen. Wir fühlten uns am vorübergehenden Ort nicht wohl, obwohl der See so nahe war und wir Wasserraten. Es kam ein Brief von Vater. Mutter las ihn uns vor. Danach habe ich nur geheult. Sie hat nicht nachgefragt weshalb denn genau oder es ging an mir vorbei. «Dir lese ich keine Briefe mehr vor.» Sie beschloss es so und ich weiss nicht, ob noch weitere gekommen sind. Man redete nicht viel mit den Kindern oder generell in unserer Familie. Und alles blieb in «unseren 4 Wänden» kleben.
Bald durften wir Kinder zu den Grosseltern & der Tante auf die Alp. Juhuiii, ab in die Berge. Ich liebe es immer noch, in «meinen» Bergen zu sein. Viel zu früh war der Sommer vorbei. Hätten wir nicht in Uri bleiben können, längere Sommerferien, Kantönligeist. Mutter hatte unterdessen eine Arbeit und eine Wohnung für uns, nahe Luzern gefunden. Wir waren trotzdem erfreut, neugierig und aufgeregt. Kinder können sehr gut im heute/Moment leben. Das sollten wir vermehrt auch tun, jedoch bewusst und ohne die «3 Affen» zu machen. (heute sind es leider bereits 5)
Wo waren wir als Flüchtlinge gelandet? Richtig, im Vorstadtghetto. Die Gewalt war vom Innern der kleinen normalen Familie ins Aussen gewandert. Schlimm? Jein, nicht so schlimm wie vorher. Auslachen, ausgrenzen, Diebstahl, Schläge, Rassismus auf allen Seiten und in alle Richtungen (auch von Schweizern gegen Schweizer, Willkommen Kantönligeist). Das «Übliche» halt, was man so erlebt im Ghetto. Wir Kinder verstanden die Welt einmal mehr nicht. Zurück zum Vater wollten wir jedoch ebenso nicht. Die Umgebung war nicht ideal, aber das Bestmögliche für uns.
Ich danke meiner Mutter von ganzem Herzen, dass Sie den Mut und die Kraft fand, mit uns fortzugehen. Es war höchste Zeit, für uns alle.
Damals gabs wahrscheinlich noch keine Schutzhäuser. Mit uns Kindern wurde nicht viel geredet und es gab keine Psychologische Hilfe/Betreuung. Oder es wurde als nicht Notwendig erachtet und wäre sowieso zu teuer gewesen. Denn meine Mutter hat alles selber finanziert mit ihrer Arbeit im Service.

Als Flüchtlingskind weiss ich wie schmerzhaft es sein kann, wieviel Unverständnis & Unwissenheit da sein kann und dass fehlende oder «falsche» Kommunikation tiefe Wunden hinterlassen können. In jeder Familie erlebt, fühlt, denkt und handelt jede Person anders. Auch die Wahrnehmung zu einem einzigen Ereignis kann sehr unterschiedlich, individuell sein. Und manchmal sind die nahestehenden Personen und/oder Eltern/Mütter/Väter, die «Blindesten», obwohl sie es nur gut meinen und das Beste machen. Und manchmal musste man einfach nur funktionieren um zu überleben. Es war eine andere Zeit. Lasst uns mehr leben & reden als funktionieren. Gemeinsam. Jetzt. Wir können das.

Alles was ich schreibe sind meine Erfahrungen, Erlebnisse & Rückblicke. Ich danke für alle Erfahrungen, denn sie haben mich zu der Person gemacht die ich heute bin. Befreit und glücklich gehe ich meinen Weg in meinem Wahlkanton, Bern. (ich habe viele Orte/Länder auf dieser Welt gesehen/bereist und weiss die CH sehr zu schätzen, doch dem Kantönligeist könnten wir ein Ende bereiten)

bis bald, bleibt gesund und munter
herzliche Grüsse, Petra